|
|
„... t here are scores - hundreds - of folk musicians in Ireland who give expression to one facet or another of ancestral brilliance, there can be no question but that the appearance of this particular grouping acted as a powerful catalyst, and made possible a new series of transformations and development inside the tradition. I’ve been in the fortunate position of being able to watch the idea and the group develop more or less from the beginning, and artistically they seem to me to have gone from strength to strength.“
Hamish Henderson
Seit über 35 Jahren verzaubern die Chieftains aus Dublin mit ihrer eigenwilligen, konzertanten Herangehensweise an traditionelle irische Musik Hörer weit über eine engere Folk-Szene hinaus. Hervorgegangen ist die Band aus dem Ensemble Ceoiltóirí Cualann, dessen Leiter Seán Ó Riada (1931-1971) das künstlerische und ästhetische Konzept für den Chieftains-Sound vorgab: traditionelle Reels, Jigs, Slow Airs und Kompositionen des barocken irischen Barden Turlough O’Carolan (1970-1738), dargebracht von einer innovativen Mischung aus Session-Partie und Kammerensemble, bei der die Ungestümheit der schnellen Tunes durch ein Mindestmaß an klassischer Arrangementtechnik veredelt und durch das zum Teil mehrstimmige Zusammenspiel von Uilleann Pipes, hölzerner Querflöte, Tin-Whistle, Fiddle, Concertina und Bodhrán ein besonders expressiver, ätherischer Sound erzeugt wurde. Somit beschritt O’Riada neben den monotonen Céilí-Bands (siehe Céilí- & Ceilidh-Bands), die er abgrundtief hasste, einen neuen Weg der Interpretation irischer Instrumentalmusik, der in ihrer Fortführung durch die Chieftains auch eine ungewöhnliche Alternative zum von angelsächsischen Balladen und Songs dominierten Folk ihrer Zeit darstellte. Gründer und bis heute Leader der Chieftains ist Uilleann-Piper und Tin-Whistler Paddy Moloney, die weiteren Gründungsmitglieder Martin Fay (f), Michael Tubridy (fl, concertina), Seán Potts sr. (t-wh) und David Fallon (bodhrán) waren zugleich Instrumentalisten der Ceoiltóirí Cualann, welche neben den Chieftains bis zum Tod Ó Riadas im Jahre 1971 weiterbestanden. 1963 gaben sie mit The Chieftains 1 ihr Plattendebüt. Erst 1968 - der greise David Fallon war durch Gentlemanbodhránist Peadar Mercier ersetzt und Meisterfiddler Seán Keane der Band hinzugefügt worden - folgte The Chieftains 2, und ihr drittes Album schließlich darf als Grundstein für ihre steile Karriere betrachtet werden. The Chieftains 3 landete einen unerwarteten Achtungserfolg in Spanien, wo die Band bei der Bienal Internacional del Sonido in Valladolid 1973 mit einer goldenen Disc geehrt wurde. Mit dem klassisch ausgebildeten Belfaster Harfenspieler Derek Bell kam im selben Jahr eine neue Nuance in den Chieftains-Sound: Als formvollendeter Interpret von O’Carolan-Tunes sowie geschulter Arrangeur stand er Paddy Moloney zur Seite und legte damit dem ohnehin beachtlichen musikalischen Niveau der Band ein Scherflein hinzund Das Ergebnis kulminierte 1974 in ihrem bislang besten Album The Chieftains 4, worauf sie sich in ihrer ganzen Vielseitigkeit präsentierten: The Battle of Aughrim z. B., einer kunstvollen Klangfantasie, oder dem obligatorischen Medley, bei dem ein ständig wiederkehrender wilder Reel von Soloparts der Musiker unterbrochen wurde, oder etwa ihre Interpretation von O`Riadas Mná na hÉireann (The Women of Ireland), welches den US-Regisseur Stanley Kubrick dazu veranlasste, die Chieftains für den Soundtrack seines Films Barry Lyndon zu verpflichten, wo besagter Tune als Liebesthema fungierte. Der Film erhielt fünf Oscars, einen für den Soundtrack - und die Chieftains waren Superstars! Barry Lyndon markierte den Anfang einer Reihe erfolgreicher Arbeiten für Film und Fernsehen, wie etwa Une Taxi Mauve von Yves Boisset (1977), The Year of the French (1982), The Grey Fox (1983), Rob Roy (1995), um nur einige zu nennen. Die Chieftains wurden 1975 von Melody Maker zur Gruppe des Jahres gekürt und schlugen damit Bands wie die Rolling Stones und Led Zeppelin aus dem Rennen, ihrerseits Chieftains-Fans der ersten Stunde, ebenso wie Filmleute Peter Sellers, Peter O`Toole oder John Huston. Wenige konnten sich dem traumhaften Chieftains-Sound verschließen: Menschen mit progressivem Geschmack fanden in ihm dionysische und psychedelische Qualitäten, Menschen mit konservativem Geschmack schätzten ihn wegen seines Wohlklanges. Das Image der Chieftains war zu dieser Zeit weder sonderlich konservativ noch irgendwie freakig. Durch ihren Erfolg von erlauchtesten Kreisen umschwirrt gerierten sie sich eher als bürgerliche elegante Jet-Setter. An dem Scheidepunkt angekommen, ob sie nun Full-Time-Musiker werden oder ihre bürgerlichen Jobs weiterverfolgen sollten, entschieden sie sich für ersteres und gaben 1975 ein vielbejubeltes Konzert in der Londoner Royal Albert Hall, nach welchem Peadar Mercier sich zurückzog und durch Kevin Conneff ersetzt wurde. Dessen Bodhránstil war variantenreicher und mit ihm kam erstmals ein Vokalist in die Band, dessen butterweiche Stimme hervorragend geeignet war für traditionelle Sean-Nós-Songs und das Lilten von Tanztunes (siehe Mouth Music). The Chieftains 7 (1977) erhielt (wie etliche folgende Alben) einen Grammy und ihr 8er-Album, ein weiterer stilistischer Höhepunkt in ihrer Karriere, markierte den Abschied von Seán Potts und Michael Tubridy, die sich vom stressreichen Profimusikerdasein zurückzogen. Mit Ex-Bothy-Band und Ex-Planxty-Flötisten Matt Molloy konnten die Chieftains sich den mit Abstand besten Flötenvirtuosen Irlands angeln. 1979 spielten sie vor 1,35 Millionen Menschen anlässlich des Pabstbesuches im Dubliner Phoenix Park. 1983 tourte die Band als eine der ersten westlichen in der Volksrepublik China. Ihr Live-Album The Chieftains in China, auf dem gemeinsame Auftritte mit chinesischen Künstlern nicht fehlten, reflektierte - sowohl was Sound als auch Melodien anbelangt - die erstaunlichen Parallelen zwischen irischer und chinesischer Musik. Das war das erste einer Reihe von Konzeptalben, mit denen sie sich anderen, oft verwandten Musiktraditionen widmeten. Auf Celtic Wedding (1987) würden sie sich ausschließlich der Musik der Bretagne widmen, zu der sie seit den 60er Jahre intensive kulturelle Kontakte pflegten, auf Another Country (1992) empfanden sie gemeinsam mit Chet Atkins, Béla Fleck, Willie Nelson, Emmylou Harris, Jerry Douglas, Sam Bush, Kris Kristofferson, Ricky Skaggs, Don Williams und der Nitty Gritty Dirt Band die Kontinuität von irischer Musik zu Old-Time-Music, Gospel, Bluegrass und Country nach. Auf Santiago (1996) widmeten sie sich gemeinsam mit Dudelsackspieler Carlos Nuñez nicht allein der als keltisch apostrophierten Musik Galiciens, sondern auch südspanischer und kubanischer Musik, und mit Fire in the Kitchen (1998) zollten sie der feurigen schottisch-kanadischen Cape-Breton-Tradition Tribut und luden sich als Gäste Ashley MacIsaac, Mary Jane Lamond, Natalie MacMaster, Jerry Holland, Leahy, die Rankin Family, Great Big Sea und a.. Diese ethnische Konzeptalbenschiene war nur eine von drei Konzepten, die die Chieftains bis heute verfolgen, nachdem sie mit ihren ersten zehn Alben („den Numerierten“) ihren Ruf als Erfinder eines konzertanten und niveuvollen neotraditionellen Stils gefestigt hatten. Das zweite Konzept bestand in semiklassischen Projekten, z. B. mit dem Flötisten James Galway (auf Over the Sea to Skye schlugen sie mehr als je zuvor die Brücke zu schottischer Musik) und diversen Symphonieorchestern. Mit dem Belfast Harp Orchestra brachten sie 1993 Celtic Harp heraus, wobei sie fast nur Melodien aus der Sammlung von Edward Bunting interpretierten. Seit den 80er Jahren promoteten sie auch irischen Steptanz. Bei ihren Konzerten debütierten TänzerInnen wie Jean Butler und Michael Flatley, die später mit der Show Riverdance weltberühmt werden sollten (Riverdance selber fußt und a. auf dem ästhetischen Konzept der Chieftains). Und schließlich nützte Paddy Moloney geschickt seine Kontakte zu den anspruchsvolleren Elementen der Popbranche. Erster Höhepunkt dieser Tendenz war das mit Van Morrison 1987 aufgenommene grammynominierte Album Celtic Heartbeat. Die Chieftains hatten in den 60er und 70er Jahren konsequent auf Kompromisse mit dem Pop-Mainstream oder Folk-Rock verzichtet, wohl wissend, dass ihr konzertanter Stil sich à la longue bezahlt machen würde. Was nicht heißt, dass sie ihren neotraditionalen Sound nicht schon vor Celtic Heartbeat Popbands- und Interpreten hinzugefügt hätten. Paddy Moloney hatte bereits seit den frühen 70er Jahren mit Mike Oldfield und Paul McCartney zusammengearbeitet, die gesamte Band mit Ultravox und Gary Moore (siehe Thin Lizzy).
Auf The Long Black Veil gaben sich schließlich folkinteressierte Popmusiker wie Mick Jagger, Tom Jones, Sinéad O’Connor, Marianne Faithfull, Ry Cooder und Sting ihr Stelldichein. Auf Heart Of Stone gewann Moloney internationale weibliche Stars (Joni Mitchell, Bonnie Raitt, Sissel, Mary Chapin Carpenter, Eileen Ivers, The Corrs etc.) für ihre Interpretationen traditioneller und moderner Liebeslieder. Mit Water From The Well, ihrem ersten Plattenprojekt im neuen Jahrtausend, kehrten die Chieftains zu den Ausgangspunkten ihrer musikalischen Sozialisation zurück, in die Countys Clare, Kerry, Donegal und nach Dublin, und bezauberten mit einem rein traditionellen Album, auf dem sie sich mit vielen befreundeten MusikerkollegInnen (Altan, Tommy Peoples, Séamus Begley, Ciarán Ó Gealbháin, Peter Horan, Ashley MacIsaac) wunderbare und kraftvolle Sessions lieferten (unter anderem in Matt Molloys Pub in Westport, Co. Mayo), eines der schönsten Chieftains-Alben seit den 70er Jahren. |
|